Placebos wirken – auch wenn man weiß, dass es ein Placebo ist

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  • Artikel: 06.10.2017

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Bei manchen gesundheitlichen Beschwerden wirkt ein Placebo, das offen als Placebo bezeichnet wird, genauso gut wie ein Placebo, das als wirksames Medikament ausgegeben wird. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, welche Informationen ein Patient bei der Gabe des Placebos erhält. Das zeigt eine neue Studie von Forschern von der Universität Basel und der Harvard Medical School, die jetzt in der Fachzeitschrift „Pain“ erschienen ist.

In mehreren Studien wurde bereits gezeigt, dass eine erfolgreiche Behandlung körperlicher, aber auch psychischer Beschwerden stark von der Wirkung von Placebos beeinflusst wird – also von Scheinmedikamenten, die keinen arzneilichen Wirkstoff enthalten. Allerdings wird oft kritisiert, dass der Patient dabei in die Irre geführt wird, weil er nicht erfährt, dass er eine wirkungslose Substanz erhält. Eine wesentliche Frage ist deshalb, wie der positive Effekt von Placebos genutzt werden kann, ohne die Patienten falsch zu informieren.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass auch Placebos, die unverblindet gegeben werden, bei denen der Patient also weiß, dass er ein Placebo erhält, eine deutliche Wirksamkeit haben – zum Beispiel bei chronischen Rückenschmerzen, Reizdarmsyndrom, Migräne oder Entzündungen der Nasenschleimhaut.

Creme ohne Wirkstoff kann Schmerzen lindern

Die Forscher aus Basel und Harvard verglichen nun zum ersten Mal die Effekte eines Placebos, das offen als Placebo bezeichnet wird, mit einem Placebo, bei dem es sich scheinbar um eine arzneilich wirksame Substanz handelt. An der Studie nahmen 160 gesunde Freiwillige teil, die Hitzereize mit ansteigender Intensität an ihrem Unterarm erhielten. Wenn die Probanden die Hitze nicht mehr länger aushalten konnten, sollten sie den Temperaturanstieg selbst stoppen. Anschließend erhielten sie eine Creme, um die Schmerzen zu lindern. Dabei wurden die Teilnehmer in drei Gruppen eingeteilt. Der ersten Gruppe wurde gesagt, dass die Creme den schmerzlindernden Wirkstoff Lidocain enthalte, obwohl es sich um ein Placebo handelte. Der zweiten Gruppe wurde klar gesagt, dass es sich bei der Creme um ein Placebo handelt. Dabei erhielten sie gleichzeitig Informationen über die Mechanismen, die beim Placebo-Effekt eine Rolle spielen. Die Probanden der dritten Gruppe erhielten die Creme mit dem Hinweis, dass es sich um ein Placobo handelt – sie erhielten jedoch keine weiteren Erläuterungen.

Nach dem Experiment berichteten die Teilnehmer der ersten zwei Gruppen, dass die Stärke und die Unangenehmheit des Schmerzes deutlich zurückgegangen seien. „Die frühere Annahme, dass Placebos nur wirken, wenn jemand nicht weiß, dass es sich um ein Placebo handelt, muss überdacht werden“, betont Cosima Locher von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel, die Erstautorin der Studie. Die Teilnehmer der dritten Gruppe, die keine Erklärung erhielten, was bei einem Placebo-Effekt passiert, berichteten dagegen über deutlich intensivere und unangenehmere Schmerzen. Das legt nahe, dass eine begleitende Aufklärung über die Wirkung von Placebos wichtig ist, damit diese wirksam sind.

Der ethisch problematische Aspekt, dass Patienten bei der Gabe von Placebos falsche Informationen erhalten und somit getäuscht werden, scheint gar nicht so wichtig zu sein, folgern die Wissenschaflter. „Wenn Placebos offen angewendet werden können, eröffnet das neue Möglichkeiten, um den Placebo-Effekt in ethisch vertretbarer Weise zu nutzen“, betont Jens Gaab, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Basel.

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