Gesundheitkompakt Berlin - Wie Menschen trauern und mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen, wurde bereits in vielen Studien untersucht. Dagegen ist bisher nur wenig bekannt, welche Prozesse in einer Partnerschaft stattfinden, wenn ein Kind stirbt – und das, obwohl der Todesfall intensive Auswirkungen auf die Familie und die Partnerschaft der Eltern hat und die familiären Beziehungen stark durcheinanderbringen kann.
Nun beschäftigte sich ein Team um die Psychologin Margaret Stroebe von der Universität Utrecht und der VU Universität Amsterdam (Niederlande) erstmals mit dieser Frage. Für ihre Studie interviewten die Forscher 219 Paare, die ein Kind verloren hatten – und zwar jeweils sechs, dreizehn und zwanzig Monate nach dem Todesfall. Die Eltern waren dabei sehr unterschiedlich alt: Die jüngsten waren 26, die ältesten 68 Jahre. Die Todesursachen reichten von Fehlgeburten über Krankheiten und Unfälle bis hin zu Morden und Selbsttötungen.
Während der Untersuchung sollten die Eltern unter anderem angeben, wie stark sie folgenden Aussagen zustimmten: „Ich versuche, für meinen Partner stark zu sein“, „Ich verstecke meinem Partner zuliebe meine Gefühle“ oder „Ich versuche, die Gefühle meines Partners zu schonen“. Diese Fragen beziehen sich auf die so genannte „Partner-bezogene Selbstregulation“ (partner-oriented self-regulation, POSR). Damit ist gemeint, dass jemand seinem Partner zuliebe seine Gefühle oder sein Verhalten beherrscht, um den anderen vor negativen Gefühlen zu schützen.
Tatsächlich ergab die Untersuchung, dass viele Ehepartner die genannten Strategien wählen, um ihren Partner vor Trauer und negativen Gefühle zu bewahren. Zum Beispiel vermeiden viele es, über den Tod des Kindes zu sprechen und versuchen, „stark zu sein“, indem sie ihre eigene Trauer nicht zeigen.
Allerdings konnten Stroebe und ihre Kollegen zeigen, dass genau diese Verhaltensweisen die Trauer und psychische Belastung noch erhöhen – und zwar bei beiden Ehepartnern. „Das ist quasi ein Paradox: Beide Eltern wollen ihren Partner schützen, erreichen aber genau das Gegenteil“, sagt Stroebe „Darüber hinaus halten diese ungünstigen Effekte auch über einen längeren Zeitraum an.“ Der Grund dafür könnte sein, dass eine starke Selbstregulation während der Trauer irgendwann zu Erschöpfung führt. Dies wirkt sich dann zum Beispiel ungünstig auf die körperliche und psychische Gesundheit und auf die Fähigkeit, eigene Ziele zu erreichen, aus.
Letztendlich kann eine angestrengte Selbstregulation verhindern, dass die Eltern mit dem Verlust ihres Kindes fertig werden. „Wenn nicht über die eigenen Gefühle gesprochen wird, kann ein Partner zum Beispiel annehmen, dass der andere gar keine Trauer empfindet“, erläutert Stroebe. „Oder einer der Partner möchte gern über die Situation sprechen, hat aber das Gefühl, dass er sich dem anderen nicht anvertrauen kann.“
Deshalb sei es wichtig, dass beide Partner lernen, miteinander über ihre Gefühle zu sprechen, ihre Trauer zu teilen und ihre Hilflosigkeit oder Verzweiflung zuzugeben. „Dies kann zum Beispiel in einer professionellen Beratung oder Psychotherapie gelernt werden“, sagt Stroebe. Ähnliche Prozesse könnten auch bei anderen familiären Beziehungen, zum Beispiel beim Tod eines Geschwisters oder zwischen den Eltern und Großeltern eines gestorbenen Kindes eine Rolle spielen. gk/ca